Angst und die Kraft der Vergebung

Posted am 29. Oktober 2012 von Jens Karney

Vieles in unserer Welt ist durch Angst beeinflusst. In den 1930er Jahren war es die Depression. Die 1950er Jahre brachten uns in den USA die Hexenjagd auf Kommunisten. Der Kalte Krieg erreichte seinen Höhepunkt in den 1980er Jahren. Heute ist – neben dem möglichen Zusammenbruch der ökonomischen Verhältnisse – unsere größte Angst zweifellos der internationale Terrorismus. Terrorismus nimmt viele Formen an und es trägt viele Namen. Die meisten von uns sind vertraut mit Al-Qaida, Al Ansar und den Taliban. Piraten terrorisieren die kommerzielle Schifffahrt vor der Küste von Somalia, während marodierende Milizen Beutezüge auf wehrlose Zivilisten in ganz Zentralafrika durchführen.
Während wir uns über Entführungen und Selbstmordanschläge beschweren, nehmen wir uns wenig Zeit, zu hinterfragen, wie viele Kriege „wir“ geführt haben. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen, „ein Flugzeug in ein Gebäude zu steuern, um unschuldige Zivilisten zu töten“ und „mittels einer Drohne Dutzende Menschen bei einer afghanischen Hochzeitsgesellschaft zu töten“ ist, dass der Pilot der Drohne am nächsten Tag noch lebt, um  es wieder tun zu können. Die Dronen Attacken erzeugen Angst in den Herzen der Taliban und Al Qaida-Führer , genau so wie der 9/11 Angst in den Herzen der Amerikaner auslöste. Immer wenn Du Angst benutzt in der der Verfolgung von militärischen Zielen, so bist Du   bei der Definition von Terrorismus angekommen.
Als jemand, der von den USA zu einer Zeit entführt wurde, lange bevor die meisten Amerikaner mit dem Begriff der „Extraordinary Rendition “ vertraut waren, kann ich Ihnen sagen, was Terrorismus bedeutet. Zuerst schockiert es Dich. Später jedoch, nachdem der Schock abgeklungen ist, kommst Du wieder zu Sinnen. Und dann beginnst du wütend zu werden, so wütend, dass Du zu einem wesentlich furchtbareren Gegner geworden bist als Du vorher potentiell warst. Dies geschah so am 9.11,  bei dem die Amerikaner in einem patriotischen Eifer geweckt wurden, wie selten zuvor.  Dieser vereint uns gegen unsere Feinde, die Terroristen. Wenn wir Reporter mit Hilfe von Kampfhubschrauber in Bagdad oder Kinder in den Hügeln von Wasiristan töten, machen wir unsere Feinde genauso stark. Unsere Technologie ändert nichts an der Tatsache, dass wir auf das Niveau unserer Gegner gesunken sind, unsere Technologie lässt den Tod von Unschuldigen als weit entfernt oder antiseptisch erscheinen. Wenn der Tod eines Unschuldigen vom 9.11. nicht zu entschuldigen ist, so sind es auch die Tötungen von Unschuldigen (darunter viele Kinder) mittels Drohnen nicht.
Da ich über die Kraft der Vergebung in der Kopfzeile schrieb, so denke ich, an dieser Stelle dazu auch etwas zu schreiben. Einer meiner besten Freunde, David O., ein sehr talentierter Dieb aus Fairchild/Washington, (Ex-Special Forces) erwähnte immer gern, dass jeder mal ins Gefängnis gehen sollte. Nachdem ich mehr als ein paar Jahren dort verbracht habe, neige ich dazu, dem zuzustimmen. Gefängnis ist eine Art von Schule, aber Du lernst da nicht immer das, was Du brauchst, und oft lernst Du Dinge, die Du lieber nicht solltest. Das Gefängnis  lehrt Dich in erster Linie viel über die menschliche Natur. Es lehrt Dich, dass jeder Mensch in der Lage ist, gut und böse zu sein und dass jede Veranlagung oft von den unmittelbaren auf jemanden wirkenden Umstände beeinflusst wird. Es ist leicht, großzügig zu sein, wenn Du  reich bist oder freundlich, wenn Du einen wunderschönen Tag gehabt hast. Es ist ebenso einfach, um einen Grund zu finden, einen  Häftling zu kritisieren, für den Du Dich eigentlich nicht interessierst, nur weil Deine Frau Dich betrügt- mit einem ehemaligen Häftling. (Glauben Sie mir, es so etwas passiert). Ein Antrag zur Haftentlassung auf Bewährung wird sehr schnell abgelehnt, nur weil einer der demotivierten Beamten der Gefängnisverwaltung wichtige Informationen nicht weitergegeben hat.
Ich habe bereits geschrieben, dass der Buddhismus mein Leben gerettet hat. Damit will ich nicht sage, das ich als Person da bin, wo ich sein möchte. Meine Erfahrung lehrt mich diese Erkenntnis mehr als Segen und nicht als Erinnerung des Scheiterns zu behandeln. Darum heißt es Erfahrung, weil wir es als Menschen nicht immer „ganz richtig“ machen. Gelegentlich machte ich positive Erfahrungen, hervorgerufen durch meine größten Widersacher. Während meiner Jahre in Ft. Leavenworth war ich mit mindestens fünf Leuten inhaftiert, die andere Leute ermordet hatten, nur weil die homosexuell waren. Zwei von ihnen waren durch die Nachrichtensendungen landesweit bekannt und die meisten von Ihnen schienen uneinsichtig. Zwei von Ihnen wurden zu meinen besten Freunden im Gefängnis, und ich konnte mit allen vernünftig reden mit einer Ausnahme.
Eines Tages zum Abendessen hatte ich beschlossen, mich an einen Tisch zu zwei Freunden zu setzen. Ich stellte meine Tablett auf den freien Platz auf den Tisch und ging zurück, um Brot zu holen. Mir war nicht bewusst, dass der Platz mir gegenüber durch einen sogenannten „Feind“ belegt war. Wie das Schicksal es wollte, so kehrten wir zur gleichen Zeit zum Tisch zurück. Wir stoppten beide in unseren Bewegungen und starrten erst einander, dann unsere jeweiligen Freunde an, die etwas kleinlaut ihre Augen in Schrecken von uns abwendeten.

Die anderen Häftlinge, die in der Schlange vor der Essenausgabe warteten, waren schlagartig  still. Jeder erwartete eine Auseinandersetzung.
Wir nahmen beide ohne ein Wort zu sagen, unsere Plätze ein und vermieden Blickkontakt. Ich als ein sich offen bekennender Homosexueller unter den Häftlingen saß am Tisch einem Mann gegenüber, der einen Marinesoldaten auf brutale  Weise ermordete, nur weil der homosexuell war. So etwas kannst Du nicht planen. Einer der beiden anderen Insassen sah mich an und zeigte auf mein Feind: „Jens, hat er das Buch, das Du in der Bibliothek bestellt hast und darauf wartest. Shogun? “
„Ich bin fast fertig, Kumpel,“ sagte mein Feind leise, immer noch an seinem Essen kauend: „Ich liebe dieses Buch. Ich interessiere mich sehr für japanische Dinge. “
„Wirklich?“ fragte ich. „Nun, es sieht so aus, als ob wir etwas gemeinsam haben.“

Diese einfache Dialog entwickelte sich langsam zu gelegentlichen Gesprächen. Ein paar Monate später wurde ich auf den gleichen Flügel verlegt und wir stellten bald fest, dass trotz unserer Unterschiede, hatten wir tatsächlich viele Gemeinsamkeiten hatten. Ich erinnere mich an all die fantastischen Dinge, die ich über seinen Fall gelesen und gesehen hatte, nicht zuletzt aus dem „Lifetime Original Movie“ über ihn, den man im Gefängnis gezeigt hatte. Eines Abends nach Zählung, schnappte ich mir unsere Kaffeetassen und steuerte damit in den  leeren Aufenthaltsraum. Nachdem wir unseren Instant-Kaffee in das nach Metall schmeckende Wasser gerührt hatten, fragte ich ihn: „Warum tötest du nicht MICH ?“
„Wir sind Freunde“, sagte er. „Das ist was Anders … Du verstehst das nicht“

„Ich bitte DICH . Ich will DAS verstehen. Ich möchte wissen, warum Du den Körper eines schwulen Mannes so stark zerstören kannst, das er nicht wiederzuerkennen ist, aber mit mir hier zusammensitzen kannst, um mit mir über das Härten der Klinge eines Samurai-Schwert zu diskutieren. “

So erzählte er mir Alles. Jedes Mal, wenn er den Namen seines Opfers erwähnte, konnte ich dessen entstelltes Gesicht vor mir in meinem Gedanken sehen, aber ich hörte weiter zu, weil der Mann vor mir war für mich kein Mörder. Nicht mehr. Er war mein Freund. Er hatte jemanden getötet, aber er war mehr als diese eine Tat, egal wie abscheulich sie war. Und so wie mein Lehrer zu mir sagte, jeder Mensch ist ein Bruder oder Sohn, eine Mutter oder ein Vater, Schwester oder Tochter von jemanden. Jeder wird von jemandem geliebt, irgendwo, und jeder aus einem bestimmten Grund.
Dieser Mann ist nun fast zwanzig Jahre älter, als ich es bin. Ich bin frei und er sitzt noch. Wissend, dass die Militärs ihm nie verziehen werden. Es gibt einen Grund dafür, und das hat mit einer gewissen Mittäterschaft zu tun. Und genau aus diesem Grund wird mein Freund wohl nie wieder ein freier Mann sein.

Ich schrieb einen Antrag auf  Bewährung für ihn kurz vor meiner Entlassung – ein Plädoyer von Milde, um seine lebenslange Haftstrafe auf 99 Jahre zu reduzieren, die Entlassung auf Bewährung zumindest theoretisch möglich werden zu lassen. Ich hatte angeboten, vor dem Naval Clemency Beard (Bewährungsausschuss) in seinem Namen zu sprechen. Wenn er freigelassen, würde ich ihm helfen, einen Job zu finden und einen Platz zum Leben. Der Mann, den ich kenne hat sich Ft. Leavenworth geändert: Von einem Schikanier zu jemanden, der gefährdete Häftlinge vor Schikanieren schützt. Er ist kein Heiliger, aber er ist ein Mann, der immer noch wertvoll ist als menschliches Wesen. Wenn ich virtuell ein Bild aus jenen Tagen machen könnte, so ist es die Momentaufnahme aus dem Kraftraum, wo der Mörder eines schwulen Mannes einem schwulen Mann, der sich anschickte, Gewichte auf der Hantelbank zu stemmen, dabei half, die diese zu übernehmen „Ich habe Sie Kumpel …Dank Dir.“ Was ist das Leben ohne Ironie ?
Viele meiner Homosexuellen Freunde können nicht verstehen, wie ich mit einem solchen Mann befreundet sein kann. Ich sage ihnen nur, dass es daran liegt, dass ich die guten Dinge in ihm erkennen wollte.

„Das Leben ist Leiden.“ – Gautama Buddha