Eiskeller

Während meines Aufenthaltes in Westberlin lernte ich bald einen abgelegenen Winkel der Stadt kennen. Diese kleine Enklave (eine von mehreren Grenzanomalien, die als Folge der Alliierten Besatzung entstanden sind) war ein Teil von West-Berlin. Sie bestand aus einigen kleinen verstreuten Bauernhöfen, mehreren Häusern und einer Anzahl von Wochenend-Bungalows. Sie war ohne Zweifel einer der seltsamsten Orte von Berlin, weil sie fast vollständig von ostdeutschem Gebiet umgeben war. Obskurerweise umgab der Eiskeller wiederum selbst ein kleines Stück Land – ostdeutsches Land – „Kienhorst“ genannt.

Das erste Mal war ich 1982 im Eiskeller auf der Suche nach ruhigen und sicheren Radwegen. Die flachen Wiesen und stillen Wälder im Eiskeller waren ideal und der meiste Verkehr, der einem gelegentlich auf den glatten Asphaltwegen begegnete, waren Westberliner, die dort spazierten, radelten oder joggten. Westberliner Hundeschlittenfahrer trainierten dort auch ihre Huskies in der Nebensaison.

Als ich diese ländliche Ecke entdeckte, war ich mit einem Freund dort unterwegs, einem russischen Linguisten und Radsportfreund. Wir hatten unseren Tag damit verbracht kreuz und quer durch den Britischen Sektor zu radeln und beendeten unsere Tour am Ende der Schönwalder Allee, der Westberliner Version des Endes der Welt. Als wir in der Enklave unterwegs waren, bemerkten wir schnell, dass es sprichwörtlich keine Ecke auf diesem Stück Land gab, die nicht von einer Reihe ostdeutscher Wachtürme aus, die entlang der Mauer standen, beobachtet werden konnte. Ich wusste es noch nicht, aber mein Schicksal brachte mich bald wieder dorthin zurück.

At Wannsee October 1983


Ganzjähriges Radfahren war nicht nur gesund, es war auch nötig, um meine Kondition zu erhalten, seit dem ich meine Kontaktleute im Eiskeller regelmäßig traf. Das Foto wurde im Dezember 1983 am Berliner Wannssee aufgenommen.

Als ich einst begonnen hatte für das MfS zu arbeiten, standen mir prinzipiell drei Möglichkeiten zur Verfügung, meine Informationen zu liefern. Die erste war die Nutzung einer Materialschleuse (Toter Briefkasten), die zweite, die Informationen zu einem Treff nach Ostdeutschland mitzubringen. Die dritte, nur für Notfälle gedacht, war, das Material oder die entsprechenden Informationen an Kontaktpersonen in Westberlin auszuhändigen, die sie dann direkt an meinen Führungsoffizier weitergaben. Alle diese Möglichkeiten erforderten eine entsprechende Absicherung. Für die ersten beiden Möglichkeiten fand sich ein Platz in der nordwestlichen Ecke von Westberlin dem Eiskeller. Was dem MfS zunächst als ein problematischer Bereich im ostdeutschen Grenzsicherungsregime erschien, sollte sich für sie bald als ein einzigartiges Schleusungstor für ihre Agenten von Ost nach West erweisen

Topografische Karte von Berlin - Eiskeller K5Hg Senatsverwaltung für Stadtentwicklung


Topografische Karte von Berlin – Eiskeller (Quelle K5Hg Senatsverwaltung für Stadtentwicklung von Berlin)

Die oben abgebildete Karte zeigt den Eiskeller, wie er in den 80’ern aussah. Für mich war der Eiskeller mein Eingang und Ausgang zur DDR, sozusagen mein privater Grenzübergang. Zu den Treffen mit meinem Führungsoffizier oder zur Ablage von Material im Toten Briefkasten fuhr ich mit dem Rad von Tempelhof bis zu diesem abgelegenen Teil des Britischen Sektors. Die Liefer- und Treffzeiten wurden normalerweise zwischen Mitternacht und 8-9 Uhr morgens vereinbart, wenn mit wenig Verkehr auf den umliegenden Straßen und Wegen zu rechnen war.

Sobald ich mich auf das den Sperranlagen vorgelagerte DDR-Gebiet an der Schönwalder Allee begab, (blau markierte Fläche im oberen Bereich der Karte) wurde ich lückenlos von Angehörigen einer Eliteeinheit des MfS (Einsatzkompanie der MfS-Abteilung HA I/KGT/Äußere Abwehr) überwacht.

 

Der Weg halblinks der Hauptstraße folgte der nördlichen Grenze von Eiskeller. Einer der Schleusungspunkte (über die damals hier noch vorhandene Mauer)  war rechts davon, wo heute wieder die Brücke steht ( hinter dem weißen Kleinbus)


Der Weg halblinks der Hauptstraße folgte der nördlichen Grenze von Eiskeller. Einer der Schleusungsstellen (über die damals hier noch vorhandene Mauer) war rechts davon, wo heute wieder die Brücke steht ( hinter dem weißen Kleinbus)

Diese Leute ersetzten während meiner Schleusung die regulären Wachposten der DDR-Grenztruppen und nahmen ihre Plätze auf den umliegenden Beobachtungstürmen ein. Während dieser Zeit wurden alle Fluchtversuche und Grenzverletzungen von Ost nach West ignoriert. (Wenn jemand versucht hätte während meiner Schleusung zu flüchten, sagte mir mein Führungsoffizier, dann wäre es ein glücklicher Tag für ihn gewesen).

Mein Schleusungsweg durch den Eiskeller war so gewählt, dass es dem MfS möglich war, alle unverhofften Begegnungen und anderen Risiken rechtzeitig zu erkennen. Ich radelte zunächst eine Asphaltstraße im Norden des Eiskellers entlang, die einem Luchgraben und der nordwestlich angrenzenden Mauer folgte. Die Strecke bot freie Sicht bis auf eine Entfernung von 750 m. In den 80’er Jahren führte die Asphaltstraße an der Mauer entlang bis zu den Teufelsbruchwiesen (unterer linker Teil der Karte) An diesem Punkt hörte die Mauer auf und ein Grenzzaun schloss sich an, der einen Blick in das DDR-Grenzgebiet gestattete. Im Süden des Eiskellers biegt die Straße wieder nach Norden ab und folgt dann dem Grenzverlauf zur DDR-Enklave „Kienhorst“, die als so genanntes „vorgelagertes Gebiet“ nicht von ostdeutschen Grenzsicherungsanlagen umgeben und damit von Westberlin aus frei zugänglich war. Am nördlichen Rand des Kienhorstes befinden sich zwei schmale Wege mit Gartenbungalows. Unmittelbar hinter dem östlichen der beiden war einer meiner Grenzübertrittspunkte (POE) in die DDR.

Ein weiterer POE war risikoreicher und befand sich dort, wo sich früher die inzwischen wieder aufgebaute Brücke an der Schönwalder Allee befand, die Westberlin mit der DDR verbindet (OGS (Operative Grenzschleuse) „ Schönwalder Allee“ in der oberen rechten Ecke der Karte). Hier musste die Mauer mit Leitern überstiegen werden und wenn wir ihn benutzten, war ich wie ein Leutnant der Grenztruppen der DDR gekleidet.

Der nördliche Schleusungspunkt.  Brücke und Fortsetzung der Schönwalder Allee statdtauswärts. Diese Brücke gab es 1983/84 nicht. Hier traf ich mich mit meiner Begleitung, um die Mauer zu übersteigen.


Der nördliche Schleusungspunkt.
Brücke und Fortsetzung der Schönwalder Allee statdtauswärts.
Diese Brücke gab es 1983/84 nicht. Hier traf ich mich mit meiner Begleitung, um die Mauer zu übersteigen.

Sowohl im Kienhorst als auch am Grenzübertrittspunkt an der Mauer in der Schönwalder Straße waren wir der Gefahr der Entdeckung ausgesetzt: Eine kleine Hütte (blaues Symbol „Beobachtungspunkt LfV“) auf Westberliner Seite – angeblich eine Einrichtung der Forstwirtschaft – war gelegentlich besetzt mit Observationskräften des Verfassungsschutzes. Von dort aus konnte eine ca. 200 m breite offene Wiese überwacht werden, die ebenfalls DDR-Gebiet war und den Kienhorst mit dem DDR-Hinterland verband. Es war diese Wiese, die wir vom Niederneuendorfer Weg aus kommend mit größter Vorsicht überqueren mussten, wenn ich über die OGS „Kienhorst“ nach Westberlin geschleust wurde.

Aus diesem Blickwinkel beobachteten die als Förster getartnten Observationskräfte des Verfassungsschutzesdie Wiese, über die wir bei der Grenzschleusung gehen mussten..


Aus diesem Blickwinkel beobachteten die als Förster getarnten Observationskräfte des Berliner Verfassungsschutzes die Wiese, über die wir bei der Grenzschleusung gehen mussten..

Immer mussten wir mit dem Risiko der Entdeckung rechnen. Um die Sicherheit zu erhöhen wurde ich oft über die OGS „Schönwalder Allee“ in die DDR und über die OGS „Kienhorst“ wieder zurückgeschleust.

Der Kienhorst ist heute unverändert wie in den 80’ern. Auf meinen jüngsten Ausflügen dorthin hatte ich schnell alle wichtigen Orte wieder gefunden und alte Markierungssäulen halfen den ehemaligen Grenzverlauf zu erkennen.

Der betonpfeilermarkiert die Grenze. Die DDR  links, Berlin (West) rechts davon. Ein Schritt in Sicherheit oder Gefahr.


Der Betonpfeiler markiert die Grenze. Die DDR links, Berlin (West) rechts davon. Mit einem Schritt in Sicherheit oder in Gefahr.

Innerhalb des Kienhorstes befindet ein tiefer Deckungsgraben, von dem aus die MfS-Schleuser meinen Grenzübertritt beobachteten und der gleichzeitig auch mein Treffpunkt mit ihnen war. Dort zog ich u.a. auch eine DDR-Armeeuniform an, bevor ich die gefährliche Wiese überquerte. Die schmale Lücke zwischen den Bäumen bzw. im Unterholz des Kienhorstes, durch die ich die Grenze zur DDR passierte, ist bis heute unverändert, mit Ausnahme von mehreren blauen und orangenen historischen Erinnerungstafeln die aufgestellt wurden, um den Touristen und Geschichtsfreaks eine kurze Erklärung über des Rolle des Eiskellers im Kalten Krieg zu geben.

Der genaue POE. Direkt hinter den Säulen begann das Gebiet der DDR.


Der genaue POE. Direkt hinter den Säulen begann das Gebiet der DDR.

Heute ist der ehemalige Grenzübertrittspunkt an der Schönwalder Straße wieder für den Verkehr geöffnet und ein Denkmal steht genau an diesem Platz. Teile der Berliner Mauer wurden „kunstvoll“ an einer Schautafel neben der Straße zusammengestellt. Es ist natürlich ein sonderbares Gefühl, an diesen einst so desolaten Ort zurückzukehren und in den eigenen Spuren zu wandeln. Noch seltsamer ist das Gefühl, wenn man die Bierdose wieder findet, die man einst benutzt hat, um die Lage des Toten Briefkastens zu markieren. Sie liegt immer noch da, verrostet nach einem Vierteljahrhundert, wie darauf wartend wieder benutzt zu werden.

Bierdose als Markierung des TBK

Und falls Du Dich wunderst, wir wurden gelegentlich auch gesehen und zwar nicht nur auf DDR-Seite von unseren Kameraden bei den Grenztruppen. Im Winter 1983/1984 sind wir beim Überqueren der Wiese in Richtung Kienhorst von der Westberliner Forsthütte aus beobachtet worden. An der Straße, die aus dem Eiskeller führt, in der Nähe eines großen Baumes, der heute noch steht, begegneten mir wenig später zwei Landrover voll mit Irish Rangern, die alarmiert wurden und in aller Eile zum Kienhorst rasten.

In Höhe des Baumes traf ich auf die Britischen Soldaten im Winter 1983/84, als  sie mir entgegenkamen, um eine Grenzschleusung ....


In Höhe des Baumes traf ich auf die Britischen Soldaten im Winter 1983/84, als sie mir entgegenkamen, um eine Grenzschleusung ….

Hätte ich den Kienhorst nur 30 Sekunden zu spät in Richtung Westberlin verlassen…… Du kannst Dir sicher vorstellen, was dann passiert wäre. Ich erfuhr später, dass danach meine drei begleitenden MfS-Grenzaufklärer den Irish Rangern im Schneeregen jenes kalten Wintertages unmittelbar gegenüberstanden. Sie beobachteten sich gegenseitig über viele Stunden über die unsichtbare nur in Karten verzeichnete Grenze hinweg. Die Waffen im Anschlag und nah genug, um in die Augen des Feindes sehen zu können.

Der Eiskeller hat sich seit dem Verschwinden der Mauer verändert. Diese einst abgeschlossene Ecke von Berlin ist wieder mit dem Brandenburger Umland verbunden. Auf der Schönwalder Allee, die früher an der Brücke (und an der Grenze) endete, rollt wieder der Verkehr. Die Asphalt Wege, die damals parallel zur Grenze verliefen, sind teilweise aufgegeben oder werden privat genutzt. Der Eiskeller bleibt für mich ein Ort der Andacht, ein Platz zu dem ich regelmäßig wiederkehre, um den Menschen und Ereignissen Respekt zu zollen, die den Verlauf des Kalten Krieges veränderten. Es ist mein ganz persönlicher Winkel von Berlin.