Was zum Teufel ist ein Kryptologischer Linguist?

Keine Sorge, ich wusste es ja auch nicht. Sogar mein Recruiter der US Armee hatte nicht die leiseste Ahnung. Als er mir den Ausdruck  der Stellenbeschreibung überreichte, hätte es genauso gut eine Speisekarte  in Urdu gewesen sein können. Als ich 1981 mit siebzehn Jahren  angeworben wurde, waren Sprachspezialisten (Linguists) eine von drei sogenannten „kritischen“ Berufsprofilen in der US Luftwaffe. Die anderen waren Kampfmittelbeseitiger und Fallschirmjäger der Luftwaffe. Alle diese Laufbahnen boten ansehnliche Boni und eine oft schnellere Beförderung nach der Grundausbildung. Auch mit der Stellenbeschreibung in der Hand  wusste ich nicht, was ich eines Tages zu tun haben werde.  Und trotz meiner guten Noten in Deutsch in der High School absolvierte ich noch eine 36 wöchige Sprachausbildung im Defense Language Institute (DLI) in Monterey (Kalifornien).

Danach folgten weitere sechs Monate einer technischen Ausbildung an der Goodfellow Air Force Base in San Angelo (Texas ).

Student dormitories (USAF) at Goodfellow AFB, 1981

Im April 1982 wurde ich in die 6912th Electronic Security Group /Zentralflughafen Tempelhof  gelegen im damaligen amerikanischen Sektor von Berlin versetzt, nur „einen Steinwurf“ von der Berliner Mauer bzw. Ost-Berlin entfernt.

Berlin at Leipziger Straße 1982

Vierzig Jahre nach der Kapitulation Deutschlands hielten die siegreichen Alliierten die geteilte Stadt noch immer besetzt. Einer der Gründe, dass dies so blieb, war der einzigartige Vorteil, den die westlichen Alliierten dadurch hatten.  Unangenehm wie eine Klette unter einem Pferdesattel gelegen, war West-Berlin der perfekte Ort, von dem aus sie ein wachsames Auge auf den Feind hatten. Unter dem Vorwand  „des Schutzes der Westberliner“  wurden umfangreiche nachrichtendienstliche Informationen gesammelt. Auf der anderen Seite der Mauer taten die UdSSR und die DDR das Gleiche. Die US-Regierung würde es vorziehen, dass ich nicht darüber rede, welche Art von Air Force-Personal in West-Berlin am Werk war. Am liebsten wäre es für sie, dass ich überhaupt nichts sage.  Es gibt mehrere links zu Beiträgen von ehemaligen Mitarbeitern des Dienstes, die ich separat auflisten werde. Dort können Sie sehen, was die zu sagen haben, die in Berlin zu Zeiten des Kalten Krieges dort gearbeitet haben. Die meisten Leute können sich schon vorstellen, was ein Linguist ist, deshalb werde ich mich Ihnen gegenüber dazu nicht erklären, auch um die „Spooks“ des Geheimdienstes der Air Force und der ‘No Such Agency’ nicht zu „irritieren“. Was ich sagen will, ist: wenn man täglich in die Augen seines Feindes blickt, erkennt man sich oft selbst. Ich merkte sehr früh, dass die Männer und Frauen auf der anderen Seite der Mauer sich nicht viel von uns unterschieden. Sie konnten es genauso wenig leiden, früh am Morgen oder am Wochenende aufzustehen, um zur Arbeit zu gehen. Auch sie hatten Ehegatten und Kinder und wollten eine bessere Welt für sich. Sie verabscheuten Sitzungen und verbrachten ihre Zeit im Büro, auch und wenn sie es eigentlich nicht wollten. Wir hatten auch eine andere Sache gemeinsam: Wir waren besorgt und machten uns Gedanken über den Krieg, genauer gesagt über einen Atomkrieg. Wir gehören zu einer Generation, die mit dem direkten Schrecken der sofortigen atomaren Vernichtung aufwuchs. Es schien fast unvorstellbar,  aber das war unsere Welt. Wir hatten uns daran gewöhnt, was nicht gut war. Wir gingen jeden Tag zur Arbeit auf unserem Trümmerberg  und beobachteten bzw. hörten zu, wie unsere Welt am Rand eines Abgrunds taumelte, nicht ahnend, wie nahe wir ihm kommen würden, wie nahe unser charismatischer Präsident uns der Gefahr des ultimativen, radioaktiven Todes aussetzte.

President Reagan`s visit to West Berlin 1982

Einige von uns, die dies sahen, waren nicht ungerührt. Anfangs manifes-tierte sich meine Unzufriedenheit mit der Arbeit, die wir taten, in allgemeiner verbale Empörung. Ich war, und jeder wusste dies, ein Unter-stützer der Sandinisten in Nicaragua. Das spielte überhaupt keine Rolle und meine Vorgesetzten sagten mir einfach, dass ich wieder an die Arbeit gehen soll. ”Das ist Amerika, Jeff. Du kannst Deine berechtigte Meinung haben ” würden sie zu mir sagen. Eine berechtigte Meinung zu haben, ist eine Sache. Aber ein Komplize bei einem Verbrechen zu sein, eine andere, und vieles von dem, was wir auf diesem Trümmerberg  machten, war ein Verbrechen. Wenn Du Deinen Feind provozierst, Waffengewalt anzuwenden, so kannst Du auf ihn zeigen, hast ihn aber dazu gebracht, dass er diesen gefährlichen Weg eingeschlagen hat. Wenn dies allein in Berlin so passiert wäre , so wäre dies nicht so schlimm, es wurde aber rund um den Globus so gemacht: Grenada, Nicaragua, KAL 007, Libyen und an den Grenzen der UdSSR … Es war ein systematischer Versuch, die UdSSR zum „blinzeln“ herauszufordern.

Im Jahr 1983 während Able Archer  „blinzelte“ sie. Dieser Moment der Unsicherheit hätte einen Atomkrieg verursachen können. Durch das mutige Eingreifen eines einzelnen Mannes der sowjetischen Raketenstreitkräfte haben die Sowjets keinen Gegenangriff gestartet, als Reaktion auf einen durch eine Störung fälschlicherweise gemeldeten US Raketenangriff. Die Spione des Ostblocks lieferten Informationen an die UdSSR, die darauf hinwiesen, dass der Westen  keinen Angriff plante, aber das Politbüro blieb davon unbeeindruckt. Die monatelangen Provokationen durch die US- und NATO-Truppen hatte Moskau paranoid werden lassen. Das hätte jedem von uns so gehen können… Damals merkte ich es nicht, aber ich war direkt an solchen Provokationen beteiligt. Als ich später  eine solche Operation verriet, hatte ich keine Ahnung, wie gefährlich diese tatsächlich war. Die Russen wussten das aber, und es ist einer der Gründe, warum ich die Medaille erhielt, die hier zu sehen ist.

Certificate of Medaille der Waffenbrüderschaft 1985

Was ich tat, machte ich nicht wegen der Medaille. Ich tat es zum Schutz der Welt vor der totalen Zerstörung. Auch wenn das grandios klingt, vielleicht war es so. Am Ende war ich nicht allein. Zusammen mit anderen Kundschafter und Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit war ich nur ein kleines Rädchen im einem großen Getriebe. Die ehemalige HVA-Agentin Gabi Gast drückte es so aus:  ”Jens, wir waren alle nur kleine Räder, aber die großen Räder können sich nicht ohne die kleinen bewegen!” Gemeinsam mit vielen anderen, die auf den verschiedenen Seiten (oder derselben Seite) während des Kalten Krieges lebten, genießen wir diesen Luxus “zu leben” heute noch. Wenn wir heute diese verwirrenden, gefährlichen Tage bei einer Tasse Kaffee in Alexandria in Virginia oder bei einem gemütlichen Spaziergang in der Karl-Marx-Allee in Berlin diskutieren, sollten wir dabei nie vergessen, wie nah wir damals am Abgrund waren. Jeder Mensch, der nach 1983 geboren wurde, ist ein Geschenk und jeder Mensch, der noch am Leben ist, sollte sich zu den Glücklichen zählen. Wir leben heute noch – wir alle – und das ist eine gute Sache.